M. Golbeck: Russland in Zentralasien

Cover
Titel
Russland in Zentralasien. Autobiografische Texte der Eroberung und Erschließung Turkestans (1860–1917)


Autor(en)
Golbeck, Matthias
Reihe
Imperial Subjects
Erschienen
Köln 2022: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
339 S.
Preis
€ 80,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Loy, Orientinstitut (Abteilung Südasien), Tschechische Akademie der Wissenschaften

Die russische Eroberung Turkestans in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rückte in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Neben Alexander Morrisons hervorragender Studie „The Russian Conquest of Central Asia“1 aus dem Jahr 2021 sei hier stellvertretend noch Ulrich Hofmeisters 2019 publizierte Dissertation „Die Bürde des weißen Zaren“2 genannt, in der er den russischsprachigen Diskurs der „Zivilisierungsmission“ des nach Zentralasien expandierenden Zarenreiches analysiert und damit einen wichtigen Beitrag zur russischen Geistesgeschichte und ihren Auswirkungen auf Wahrnehmung und Geschichte Zentralasiens liefert. Mit diesen Werken muss sich Matthias Golbecks Arbeit messen lassen. Viel Neues oder gar Überraschendes, soviel vorneweg, fördert Golbecks materialreiche und handwerklich sauber gearbeitete, aber leider etwas uninspirierte Studie allerdings nicht zu Tage.

In seiner in der Reihe „Imperial Subjects“ publizierten Dissertation untersucht Matthias Golbeck autobiografische Beiträge von russischsprachigen Autoren zum Turkestan-Diskurs „im späten Zarenreich hinsichtlich der darin zirkulierten Deutungs- und Identifikationsmuster“ (S. 16). Dabei konzentriert er sich auf die Phase der militärischen Expansion und die damit einhergehende infrastrukturelle und wissenschaftliche Erschließung der Region seit den 1860er-Jahren und auf Autoren, die an einigen dieser imperialen Unternehmungen bis zum Untergang des Zarenreiches beteiligt waren. Der Titel der Arbeit ist etwas irreführend, da Golbeck weniger auf die Geschichte der Eroberung, ihrer historischen Motive und die Rechtfertigung der Herrschaft Russlands in Zentralasien abzielt, als vielmehr auf das Erinnern und Schreiben darüber und die daraus abzuleitenden Selbst- und Sinnkonzeptionen der ausschließlich russländischen Akteure. „Russland über Zentralasien“ wäre als Titel diesem Thema durchaus angemessen, genauer und mehrdimensionaler, denn um Zentralasien geht es bei den von Matthias Golbeck untersuchten „von der europäischen Überlegenheit überzeugte[n]“ (S. 42) Autoren kaum.

Insgesamt – wie bereits von verschiedenen Wissenschaftler:innen festgestellt wurde – hinterließ die Eroberung und Erschließung Zentralasiens durch das Russländische Kaiserreich nur wenige Spuren in der zeitgenössischen russischsprachigen Hochkultur. Auch Golbeck steigt mit dieser Bemerkung (und einem Zitat aus Tolstojs Anna Karenina) in sein Thema ein (S. 11) und begibt sich dann auf Spurensuche nach weniger bekannten Autor:innen und Publikationen. Dabei handelte es sich vornehmlich um die Eliten des Zarenreichs: Offiziere, Wissenschaftler und Staatsbeamte, deren autobiographische Texte vor allem in Periodika erschienen sind, seltener als Monografien oder in Sammelbänden.

Golbeck wählte das von ihm analysierte Sample autobiographischer Texte mit inhaltlichem Bezug zu Turkestan vor allem aus einer mehrbändigen Bibliographie zur russischen Memoiren-Literatur vor 19173 aus; dies mit dem erklärten Ziel, eine „möglichst heterogene Autorenschaft“ für seine Auswertung ihrer vielfältigen „autobiographischen Praktiken“ zu gewinnen (S.21). Beiträge einfacher Soldaten oder von Geistlichen, Kaufleuten oder Siedlern fehlen in diesem Korpus, da diese Gruppen – wie Golbeck anmerkt – kaum geschrieben oder publiziert haben. Das gleiche gilt für Selbstzeugnisse von Frauen. Golbecks Sample von 41 Autoren umfasst gerade einmal 3 Autorinnen (die Fürstin Golovnina sowie die Dichterinnen Ol'ga Petrovna Lobri und Ljudmila Christoforovna Simonova). Auf drei weitere sei er „zu spät aufmerksam geworden, um sie in die … Untersuchung einzubeziehen“ (S. 28). Das ist schade und es wäre zu wünschen gewesen, dass in der Vorbereitung der Publikation diese Lücke geschlossen worden wäre. Denn die von Matthias Golbeck aufgezeigten Differenzen in der männlichen und weiblichen Selbstdarstellung und im Blick auf Turkestan (S. 29f., 84f.) hätten durchaus mehr Raum und genauere Aufmerksamkeit verdient. Dass die in der Publikation von Simonova enthaltenen Beiträge „von indigenen Autoren in russischer Sprache … hier nicht als Teil der originär russischsprachigen weiblichen Autobiografik aus Turkestan gewertet“ und unberücksichtigt bleiben, ist unverständlich.

Dafür hätte Golbeck durchaus auf die im abschließenden 8. Kapitel der Arbeit nachgereichten Erinnerungstexte, die nach dem Ende des Zarenreichs und im Exil entstanden, verzichten können. Denn hinsichtlich der Rechtfertigung der militärischen Expansion (Kapitel 2) und der Auseinandersetzung mit dem wenig Ruhm versprechenden gefährlichsten Gegner dieser Feldzüge, der gnadenlosen Natur und den extremen klimatischen Bedingungen in Turkestan (Kapitel 4 und 6), haben diese Autoren nichts wesentlich neues hinzuzufügen. Gleiches gilt für die distanzierte und fast immer kollektiv abwertende Beschreibung der zentralasiatischen Bevölkerung mit dem Ziel der Abgrenzung und Selbstvergewisserung (Kapitel 5) sowie für die Selbstverortung der Autoren in Kampfgemeinschaften oder Wissenschaftstraditionen und ihre affirmative Haltung gegenüber Zar und Imperium (Kapitel 7).

In der Einleitung (Kapitel 1) umreißt Matthias Golbeck knapp die Methodik und Theorien, auf die er in seiner Studie zurückgreift, wobei auffällt, dass ein Abschnitt zum Thema Diskursanalyse fehlt, bzw. auf ein Zitat in einer Fußnote (S. 16, Anm. 22) reduziert ist. Golbeck bezieht sich vor allem auf Vorarbeiten zu «autobiographischen Praktiken» von Jochen Hellbeck und Klaus Heller sowie auf die im Forschungsprojekt «Imperial Subjects» entwickelte These, dass diskursive Praktiken wesentlich gewesen seien für den Zusammenhalt und die Beständigkeit des Reiches4. Im zweiten Kapitel fasst er die russische Eroberung der südlich des Steppengürtels gelegenen zentralasiatischen Chanate Chiva und Kokand sowie des Emirats Buchara anhand der rezenten historischen Forschung zusammen. Hervorheben möchte ich das sehr gelungene Kapitel 3. Darin konzentriert sich Golbeck auf die materielle Ebene der Texte und fragt nach den verschiedenen Formaten, nach den politischen Rahmenbedingungen sowie dem redaktionellen Umfeld, in dem der autobiographische Turkestan-Diskurs im Russischen Zarenreich zwischen 1860 und 1917 ausgetragen und rezipiert wurde. Die sogenannten „Dicken Journale“, in denen die meisten der von Golbeck ausgewerteten Texte publiziert wurden, hatten dabei die größte Reichweite und Leserschaft (S. 64ff.). Hier erfahren wir auch etwas mehr über die einzelnen AutorInnen, ihre Schreibanlässe und Karriereverläufe. Die Autoren, so scheint es, und wen mag das verwundern, waren allesamt Kinder ihrer Zeit und als Teil der kulturellen Elite des Russischen Imperiums nicht frei von Eitelkeiten und Vorurteilen gegenüber dem kolonialen Anderen. Durchaus interessant wäre hier ein Vergleich mit autobiographischen Texten aus anderen (nicht-russischen) kolonialen Zusammenhängen oder der umfangreichen Militärmemoiristik jüngerer Zeit, etwa aus der Feder von Soldatinnen der ISAF-Mission in Afghanistan.

In den seine Kapitel abschließenden „Schlussfolgerungen“ fasst Matthias Golbeck die verschiedenen Varianten der oft stereotypen und sich im Lauf der Zeit kaum verändernden Diskurse – manchmal etwas umständlich und sich wiederholend – zusammen. Ob, wie er dabei mehrmals anmerkt, „die Autoren in Turkestan neue Räume der Autobiografik betreten haben“ (S. 134, 180, 229, 263, 308) und welche das genau gewesen sind, – abgesehen vom geografischen neuen Raum, den sie betraten – bleibt jedoch im vagen. Auch das „kohäsive Potential“ des autobiographischen Diskurses (S. 62) bleibt mehr Behauptung als klar nachvollziehbare Analyse. Ein Anhang mit kurzen biographischen Informationen zu den in der Arbeit behandelten Autor:innen, eine Überblickskarte des südwestlichen Zentralasien des Jahres 1901 und ein mehrteiliges Literatur- und Quellenverzeichnis schließen die trotz der genannten Kritikpunkte durchaus lesenswerte Einführung in die Autobiographik im Zarenreich ab.

Anmerkungen:
1 Alexander Morrison, The Russian Conquest of Central Asia. A Study in Imperial Expansion, 1814–1914, Cambridge 2021.
2 Ulrich Hofmeister, Die Bürde des Weißen Zaren. Russische Vorstellungen einer imperialen Zivilisierungsmission in Zentralasien, Stuttgart 2019.
3 Petr A. Zajončkovskij, Istorija dorevolucionnoj Rossii v dnevnikach i vospominanijach. Annotirovannyj ukazatel knig i publikacij v žurnalach, Bd. 1–5.2, Moskau 1976–1989 (insgesamt 13 Bände).
4 Jochen Hellbeck / Klaus Heller (Hrsg.), Autobiographical Practices in Russia. Autobiographische Praktiken in Russland, Göttingen 2004; Martin Aust / Frithjof Benjamin Schenk (Hrsg.), Imperial Subjects. Autobiographische Praxis in den Vielvölkerreichen der Romanovs, Habsburger und Osmanen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Köln 2015.

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